Das etwas andere Dornröschen
Es waren einmal ein König und eine Königin, die sich nichts sehnlicher wünschten als ein Töchterchen. (Warum keinen Sohn, weiß niemand) Lange Zeit blieb Ihnen der Wunsch unerfüllt, bis tatsächlich die Königin ein Kind bekam- eine Tochter. Diese war so schön, zart und rein, dass sie es Dornröschen nannten. Zum großen Fest anlässlich ihrer Geburt waren viele Gäste aus aller Herren Länder geladen. (Frauenländer gab´s damals noch nicht) So kamen nette, törichte, gemeine, schöne, hässliche und liebe Menschen. Auch einige Feen waren dabei. Die brachten dem Kindlein gute Wünsche an die Wiege. Nun begab´es sich aber, dass auch eine Fee, die aus guten Gründen nicht geladen war, an die Wiege trat und das Kind verwünschte. Zu ihrem 15. Geburtstag sollte sie sterben. (Ausgerechnet zur erwachenden Sexualität, wie gemein!) Zum Glück konnte eine gute Fee das Unglück noch mildern und wandelte den Tod in hundert Jahre Schlaf um. Dass der König und die Königin König und Königin waren, sagt natürlich nichts darüber aus, welche Eigenschaften sich in diesen Personen verbargen. Die Anhänger des Dornröschen Märchens mögen mir verzeihen, wenn ich an dieser Stelle behaupte, dass sie dumm waren. Nicht so sehr, aber eben dumm. Wie so manche Eltern sind, klärten sie ihre Tochter nämlich nicht auf. Vielleicht haben sie geglaubt, Dornröschen würde immer klein bleiben oder sie hofften insgeheim, sie würde sterben, bevor sie sich zu einer reifen Frau entwickeln und die Königin ablösen würde. Wer weiß das schon. Jedenfalls waren König und Königin am 15. Geburtstag der Tochter nicht zu Hause. (Vielleicht hatten sie etwas Besseres vor, als für ihre Tochter eine Geburtstagsparty zu veranstalten)
Die Prinzessin jedenfalls war von Natur aus neugierig und außerdem in der Pubertät.
Sie suchte im ganzen Schloß. Wonach? Richtig, nach einem Prinzen! Die Prinzessin war allerdings auch ein wenig dumm- hätte sich ja denken können, dass die Eltern keinen Prinzen für sie bereithalten. Da trug es sich zu, dass Dornröschen überraschend eine alte Frau fand. Die Enttäuschung war riesengroß. Allerdings konnte sie etwas, das die Prinzessin noch nicht konnte: Spinnen. (Sie hat sich also etwas ausgedacht, etwas vorgestellt, phantasiert) Dornröschen wollte das auch, aber „Autsch!“ sie stach sich mit dem Finger an einer Spindel. (Anstatt vorsichtiger zu sein- selber schuld!)
Nun nahm die Verwünschung ihren Lauf. Das etwas andere Dornröschen fiel in einen tiefen Schlaf und der ganze Hofstaat mit ihm. Gerade sollte der Lehrling eine geschmiert bekommen, weil er, wie immer nichts richtig machte. Er bekam allerdings nichts davon ab, weil der Koch mit erhobener Hand einschlief. Der Hund, gerade hatte er zum Biss in die Wurst angesetzt, konnte seinen Hunger nicht mehr stillen. Er schlief ein.
Der König und die Königin, von ihrem Ausflug gerade zurückgekehrt, fielen auch in diesen seltsamen hunderjährigen Schlaf. Selbst die Vögel fielen von der Stange. Es war ein Jammer. Nichts rührte sich mehr. (Und alles wegen einer Unachtsamkeit dieses minderjährigen Mädchens!) Eine Rosenhecke schirmte im Laufe der Jahre das Schloß von der Aussenwelt ab. Niemand konnte hindurchdringen. Viele Jünglinge hatten schon von dem wunderschönen Dornröschen gehört. Sie stellten sich eine Heilige vor, die nur von ihnen zu erretten wäre. Jeder Versuch aber, das Mächen auch nur zu sehen, scheiterte schon an der riesigen Rosenhecke.
Während ihres tiefen Schlaf´s träumte Dornröschen von rauschenden Festen, von dem gesamten Hofstaat, von ihren Eltern und davon, wie schön das Leben doch sein kann. Sie sah sich selbst als tot, den ganzen Hofstaat schlafend und erschrak darüber sehr. Nichts bekam sie von den Annehmlichkeiten des Lebens mit. Schließlich entschied sie- noch im Traum- nicht mehr länger schlafen zu wollen. Der Fluch der bösen Fee war nichts gegen den entschiedenen Willen und der unbändigen Vorstellungskraft des Mädchens. Das Dunkle konnte so nicht länger Herr des Lebensmuts und der inneren Kraft sein.
Das etwas andere Dornröschen wachte nun bald auf und fand alles so vor, wie sie es auch im Traum gesehen hatte. Alle schliefen. Gegen den Bann, der auf den anderen lastete konnte sie allerdings nichts ausrichten. Den schlafenden Hund mit einer leckeren Wurst locken zu wollen hatte ebenso wenig Sinn wie die schallende Ohrfeige an die Wange ihrer Mutter. Das etwas andere Dornröschen entschied, das Schloß zu verlassen. Die Rosenhecke öffnete sich auf wundersame Weise. Dornröschen schritt hindurch wie eine Königin- sie hatte endlich ins Leben zurückgefunden: zu den Menschen, denTieren, zu allem was wir sehen und nicht sehen können und, nicht zu vergessen- sie fand ihren Prinzen. Der war Jäger. Er faszinierte sie, weil er so wunderbar seine Träume erzählen konnte und weil er ihr gestanden hatte, dass er Schneewittchen nicht getötet hat. Sie mochte ihn riechen und fand ihn einfach süß. Ein gefühlvoller Mann mit Prinzipien an ihrer Seite. Die Beiden genossen fortan ihr gemeinsames Leben.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute….











